>

Ein Abend, viele Sieger

Frankfurt am Main – „Die Aufgabe des Architekten – das gilt auch im Städtebau – ist, aus einer Situation das Bestmögliche zu machen.“ Gesagt hat diesen Satz einer, der es wissen muss: Ernst May (1886-1970). Der Architekt und Honorarprofessor der TU Darmstadt prägte von 1925 bis 1930 das „Neue Frankfurt“, war in dieser Zeit stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Nassauischen Heimstätte und wurde nach seiner späteren Rückkehr aus der Emigration mit der Ehrendoktorwürde der TU ausgezeichnet. In Erinnerung an Ernst May vergibt die Unternehmensgruppe seit 1988 alle zwei Jahre einen mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis an Studierende der TU Darmstadt im Fachbereich Architektur. Die diesjährigen Gewinner des Ernst-May-Preises wurden am Montag im Stammhaus der Nassauischen Heimstätte im Frankfurter Schaumainkai geehrt. Gewürdigt wurden außerdem zwei weitere Preisträger. Die Nassauische Heimstätte hat nämlich zum ersten Mal den Günter-Bock-Preis der Architekturklasse der Städelschule (Städelschule Architecture Class, SAC) finanziert. Der Preis wird seit 2007 jährlich an die besten Studierenden im ersten Jahr des zweijährigen Postgraduiertenstudiums der SAC vergeben. Eine Jury prämiert den besten Beitrag mit 3.000 Euro und versteht das Preisgeld ausdrücklich als Unterstützung für das weitere Studium. Bislang wurde der Preis von der Stiftung Städelschule für Baukunst unterstützt, seit 2018 ist die Nassauische Heimstätte als Partnerin eingestiegen. „Die Förderung junger Menschen in ihrer Ausbildung hat bei uns eine lange Tradition und ist eine der Säulen des gesellschaftlichen Engagements der Unternehmensgruppe“, sagte Geschäftsführerin Monika Fontaine-Kretschmer im Rahmen der Feierstunde. „Die Wohnungsbaubranche muss auf aktuelle Anforderungen und Veränderungen reagieren, die der hohe Wohnungsdruck und die Digitalisierung mit sich bringen. Dafür benötigen wir neben der Erfahrung und Kompetenz, die wir uns über Jahrzehnte angeeignet haben, auch frischen Wind und neue, kreative Ideen. Insofern freut es mich sehr, dass wir die über Jahre bewährte Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt fortsetzen und zudem einen neuen Partner gewinnen konnten.“ Das Postgraduierten-Studium an der Städelschule ist einzigartig in Deutschland, in Europa gibt es Vergleichbares nur in Barcelona, Wien und London. In Übersee haben die Universitäten von Yale, Harvard oder Princeton ähnliche Angebote. Für die Studierenden ergeben sich aus diesem Netzwerk Vorteile in der Qualität der Lehre: die Gäste und Lehrenden sind international und an hervorragenden Schulen tätig.

Die Kooperationspartner gaben das Lob zurück: „Die Studierenden setzen sich mit Freude und Motivation mit den Problemen des Wohnungsbaus und den Anforderungen der Planungspraxis auseinander und eröffnen den ,Praktikern` oft auch den Blick für unkonventionelle Ideen“, sagte Bjoern Schmidt, Lehrbeauftragter am Fachgebiet Wohnungsbau an der TU Darmstadt. Dr. Johan Bettum, Professor für Architektur und Leiter des Architekturprogramms an der Städelschule, nannte es „eine große Ehre, dass wir den Günter-Bock-Preis jetzt in Zusammenarbeit mit einem so renommierten Unternehmen wie der Nassauischen Heimstätte ausloben dürfen. Wir freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit.“

Der Ernst-May-Preis soll im Geiste des sozial orientierten Wohnungs-, Siedlungs- und Städtebaus die fachliche und politische Auseinandersetzung mit neuen Aufgabenstellungen fördern und das Gespräch zwischen Praxis und Wissenschaft beleben. Unternehmen und Hochschule bemühen sich, den Preis mit aktuellen Themen und Fragestellungen aus Architektur und Städtebau zu verbinden. Die angehenden Architekten und Stadtplaner haben sich unter anderem mit der Überarbeitung eines Frankfurter Baugebiets, der Entwicklung eines Hafengeländes zu einem Wohnstandort, der Revitalisierung einer innerstädtischen Industriebrache und der Konversion einer Militärfläche beschäftigt. Das Thema dieses Jahr lautete: „Das vernetzte Haus“. Ziel war es herauszufinden, wie sich das öffentliche und gemeinschaftliche Leben verändert, wenn sich soziale Kontakte in den digitalen Raum verlagern, also nicht mehr an konkrete Orte und Räume gebunden sind, und wie Digitalisierung sowie mediale Vernetzung das Wohnen beeinflussen. Aufgabe war es, den Prototyp eines Gebäudes für 150 Personen zu entwerfen und zu verorten.

Der Günter-Bock-Preis ist nach dem Frankfurter Architekten Günter Bock benannt. Dieser gewann 1969 den Grand Prix de l'architecture de l'urbanisme in Cannes und leitete von 1972 bis 1984 die Architekturklasse der Städelschule. In dieser Zeit gelang es ihm, die Klasse international zu etablieren. 2001 gründete er die Stiftung Städelschule für Baukunst. Für Bock war unsere gebaute Welt eine Synthese aus Vergangenheit und Zukunft, Architektur und Landschaft, bildende Kunst und sozialkulturellen Lebensbedingungen. Vor diesem Hintergrund wird der Preis verliehen. Er fördert herausragende Leistungen und zelebriert qualitativ hochwertige Forschung sowie persönliche Entwicklung im akademischen Kontext der Schule. Das Gewinner-Projekt ist in dem von Prof. Dr. Johan Bettum geleiteten Master-Studio „Architecture and Aesthetic Practice“ entstanden. Es ist eng mit der diesjährigen Teilnahme der SAC an dem Programm „Performing Architecture“ verbunden, dem Beitrag des Goethe-Instituts zur Architektur Biennale in Venedig. Das Projekt befasst sich mit der wechselnden Art und Weise, in der Venedig im Laufe der Geschichte in Karten vertreten war. Die Arbeit nutzt Google Earth als Quelle und Werkzeug, um eine zeitgenössische Kartographie der Stadt zu erstellen.

Die Studierenden der TU Darmstadt nutzten die Preisverleihung auch, um auf Missstände an ihrer Hochschule hinzuweisen. Neben baulichen Mängeln kritisieren sie in einem offenen Brief, dass derzeit nur 13 von 19 Architektur-Professuren regulär besetzt sind. Außerdem fehle Geld für wissenschaftliche Mitarbeiter, freigewordene Stellen dürften erst nach einer Sperre von drei Monaten wieder besetzt werden. Dies alles führe dazu, dass eine angemessene Betreuung nicht mehr sichergestellt sei und der Ruf der TU als Ausbildungsstätte für Architekten leide. Im Rahmen einer „Widerstandswoche“ versuchen die Studierenden, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Rückendeckung bekamen sie von Geschäftsführerin Monika Fontaine-Kretschmer. „Es ist wichtig, dass die Studierenden sich aktiv für ihre Belange einsetzen. Der Mangel an Wohnraum ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Dieser Mangel kann aber nur beseitigt werden, wenn auch angehende Architekten eine gute Ausbildung unter guten Studienbedingungen bekommen.“

Ernst-May-Preis

Preisträger 2018: Je 1.750 Euro Preisgeld erhalten

  • Oliver Steinebach und Jörg Hartmann
  • Lukas Feile und Francisco Enriquez Falconi

Anerkennungen 2018: Je 500,- Euro erhalten als Anerkennung

  • Kevin Alexander Henkel und Sebastian Kotterer
  • Johannes Bierbrauer
  • Van Ly Nghiem, Carolin Schemel und Nawel Zegrar

Günter-Bock-Preis

Preisträger 2018: 3.000 Euro Preisgeld erhalten

  • Soonam Lee und André Zakhia

Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt
Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt mit Sitz in Frankfurt am Main und Kassel bietet seit 95 Jahren umfassende Dienstleistungen in den Bereichen Wohnen, Bauen und Entwickeln. Sie beschäftigt rund 730 Mitarbeiter. Mit rund 60.000 Mietwohnungen in 140 Städten und Gemeinden gehört sie zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen. Das Regionalcenter Frankfurt bewirtschaftet rund 19.800 Wohnungen, darunter 16.000 direkt in Frankfurt. Unter der Marke „ProjektStadt“ werden Kompetenzfelder gebündelt, um nachhaltige Stadtentwicklungsaufgaben durchzuführen. Bis 2021 sind Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro in Neubau von Wohnungen und den Bestand geplant. 4.900 zusätzliche Wohnungen sollen so in den nächsten fünf Jahren entstehen.