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Stadtentwicklung Innovationen
Partizipation online & offline

Die virtuelle Stadt

Eine erfolgreiche Stadtentwicklung funktioniert nur, wenn möglichst alle Zielgruppen frühzeitig in die Planung einbezogen werden. Bürgerbeteiligung ist dabei ein entscheidender Bestandteil. Neben klassischen Formaten kommen hier verstärkt auch digitale Angebote zum Einsatz: Von interaktiven Plattformen über virtuelle Spaziergänge bis hin zu smarten 3D-Technologien – die fortschreitende Digitalisierung eröffnet neue Chancen.

Ob Verkehr, Klimaschutz, Energie oder nachhaltige Stadtentwicklung: Immer mehr Menschen möchten mitreden, wenn es um ihr direktes Lebensumfeld geht – sei es die Nachbarschaft, das Quartier oder die Stadt. Seit Jahrzehnten sind Bürgerversammlungen, Stadtteilfeste, Workshops und Informationsstände bewährte Instrumente, um sich inhaltlich einzubringen und den Prozess aktiv mitzugestalten. Doch diese rein analoge Bürgerbeteiligung reicht heute schon lange nicht mehr aus. Die Erfahrung zeigt, dass traditionelle Methoden nicht mehr genügen, um ein repräsentatives Abbild gesellschaftlicher Interessen zu sichern. Gerade Menschen, die beruflich und familiär stark eingebunden sind, haben oftmals nicht die zeitlichen Ressourcen, Präsenzveranstaltungen zu besuchen. Auch die jüngere, technikaffine Generation lässt sich hierfür nur schwer mobilisieren. Hinzu kommt, dass die Corona-Pandemie weite Teile des öffentlichen Lebens in Deutschland eingeschränkt hat. Vielerorts kamen Beteiligungsprozesse komplett ins Stocken. Doch wie kann ein produktiver Austausch entstehen, wenn der persönliche Kontakt so gut wie unmöglich ist? Neue Formate sind gefragt, die alle Zielgruppen im gleichen Maße erreichen – für Stadtplaner eine interessante Herausforderung.

 

Digitale Tools für die Stadt von morgen

Ihrer Zeit voraus ist die ProjektStadt, Stadtentwicklungsmarke der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt (NHW). Schon seit einigen Jahren beschreitet sie neue Wege in der Bürgerbeteiligung und arbeitet kontinuierlich an neuen Partizipationsformaten. "Wir sehen uns in der Verantwortung, eine Verschiebung der Beteiligungsvorgänge voranzutreiben und neue Werkzeuge zu entwicklen. Analoge Partizipation ist und bleibt wichtig. Die Reichweite lässt sich aber mit digitalen Instrumenten, die zeit- und ortsunabhängig sind, um ein Vielfaches erhöhen", so Marion Schmitz-Stadtfeld, Leiterin Integrierte Stadtentwicklung und innerhalb der ProjektStadt für die Entwicklung und Steuerung digitaler Transformationsprozesse bei Bürgerbeteiligungen verantwortlich.

"Unser oberstes Ziel ist es, generationsübergreifende Schnittstellen zu bilden", ergänzt Projektleiter Felix Assmann. "Wir kombinieren herkömmliche und neue Methoden, die sowohl Jüngere als auch Ältere ansprechen. Durch einfach zugängliche digitale Angebote sinkt außerdem die Zugangsschwelle zur gesellschaftlichen Teilhabe – auch für sozial unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen."

Analoge Partizipation ist und bleibt wichtig. Die Reichweite lässt sich aber mit digitalen Instrumenten, die zeit- und ortsunabhängig sind, um ein Vielfaches erhöhen.

Marion Schmitz-Stadtfeld - Leiterin Integrierte Stadtentwicklung der ProjektStadt

Von der Theorie zur Praxis

Nach monatelanger intensiver Arbeit und einem ersten technischen Piloten hat das interdisziplinär aufgestellte Team um Schmitz-Stadtfeld ein Produkt entwickelt, das interaktive Beteiligungs- und Aktivierungsprozesse in den digitalen Raum verlagert: die Plattform "Your Voice". Mittels 3D-Berechnungen aus hochauflösenden Drohnen-Luftbildern entstehen virtuelle Stadtmodelle. Planungsprozesse, die die eigene Nachbarschaft oder das Quartier betreffen, werden so vorstell- und erlebbarer, die Interaktion im Vergleich zu rein kartenbasierten Angeboten vereinfacht. Bei digitalen Spaziergängen durch eine virtuelle Stadt können aktuelle Veränderungen und Planungen im Stadtbild unmittelbar visualisiert werden. Damit eröffnen sich für interessierte Bürgerinnen und Bürger neue und spielerische Möglichkeiten, das eigene Lebensumfeld aktiv mitzugestalten. Neben dem Fachbereich Integrierte Stadtentwicklung und ITlern der NHW sorgte eine Studierendengruppe bei der Produktentwicklung für frischen Wind und neue Impulse. Game-Entwickler, Architekten, Geographen und Programmierer waren ebenso beteiligt wie eine Designerin der Hochschule für Gestaltung.

Jede Stimme zählt

Premiere feierte das neue Beteiligungstool "Your Voice" im Februar dieses Jahres in Kelsterbach. Dort sollen der Südpark neu gestaltet, Spiel- und Sportflächen modernisiert, barrierearme Wegenetze geschaffen sowie der Eingangsbereich des Quartiers erneuert werden. Eine klimaangepasste Bepflanzung wird zudem die biologische Vielfalt stärken, auch der Staudenweiher wird in seiner Qualität als Biotop und Erholungsgebiet aufgewertet. Im Rahmen des Projekts Klimainsel Kelsterbach, das über das Programm Wachstum und nachhaltige Erneuerung gefördert wird, lobte die Stadt einen landschaftsarchitektonischen Realisierungswettbewerb aus. Für die europaweite Ausschreibung hatte die Kommune gemeinsam mit der ProjektStadt, die das gesamte Wettbewerbsverfahren steuerte, klare Ziele formuliert. 13 Planungsbüros aus ganz Deutschland hatten Entwürfe eingereicht, die Entscheidung ist am 24. Februar gefallen. Einen Tag, bevor die hochkarätig besetzte Jury tagte, waren die Kelsterbacher als lokale Experten gefragt. 200 Bürgerinnen und Bürger konnten sich im Vorfeld registrieren. Alle Wettbewerbsbeiträge waren auf der neu entwickelten Plattform "Your Voice" digital begehbar, eingebettet in ein dreidimensionales Modell des Parks. Dort konnten sich die Anwohner:innen mit den Entwürfen auseinandersetzen und direkt online bewerten. Die gesammelten Kommentare wurden anschließend an das Preisgericht übermittelt und flossen in den Entscheidungsprozess mit ein. Das Rennen machte schließlich das Büro bbzl – böhm benfer zahiri aus Berlin, das in seiner Konzeption alle Qualitäten des Südparks und des Staudenweihers vereint. Der Siegerentwurf der Jury zählte auch zu den Favoriten der Nutzer:innen von "Your Voice".

Wir kombinieren herkömmliche und neue Methoden, die sowohl Jüngere als auch Ältere ansprechen.

Felix Assmann - Projektleiter Integrierte Stadtentwicklung der ProjektStadt

Die Nase vorn

Auf den bisher erzielten Ergebnissen ruhen sich die Experten jedoch nicht aus. Im Gegenteil: Sie evaluieren, justieren nach und arbeiten parallel an weiteren Tools, die die digitale Bürgerbeteiligung auf eine neue Ebene heben sollen. Noch in diesem Jahr geht das hauseigene Produkt "ProjektStadt Digital" an den Start, das Kommunen digitale Partizipationsformate für sämtliche Stadtentwicklungsprozesse mit 3DAnwendungen anbietet. Eine erste Präsentation im Hessischen Wirtschaftsministerium im Herbst 2020 erntete Beifall. "Uns wurde die Förderfähigkeit digitaler Beteiligungsprozesse, also auch der Interaktion im digitalen Stadtmodell, in Aussicht gestellt", resümiert Schmitz-Stadtfeld. "Dies betrifft natürlich alle Dienstleister, die mit diesen Instrumenten in der Stadtentwicklung arbeiten. Im Moment haben wir aber noch die Nase vorn."

Hinter den jüngsten Erfolgen steht ein fortlaufender, ambitionierter Entwicklungsprozess. Bereits im November letzten Jahres zählte der Fachbereich Integrierte Stadtentwicklung zu den prämierten Gewinnern des Landeswettbewerbs "Sozialer Zusammenhalt – innovative Bürgerbeteiligung in der Sozialen Stadt", durchgeführt vom Zentrum für Nachhaltige Stadtentwicklung in Hessen – Sozialer Zusammenhalt. Er überzeugte mit seinem Format "Bürgerbeteiligung und Kommunikation PLUS". Hinter dem Projekttitel steht ein innovatives Partizipationsmodell für Stadtteile mit besonderem Handlungsbedarf: Sie sind von heterogenen Milieustrukturen und sich überlagernden Problemen geprägt, die individuelle Instrumente der Bürgerbeteiligung erfordern – nicht zuletzt, um sozial benachteiligte, durchsetzungsschwächere und schwer zu erreichende Anwohner:innen zu aktivieren. Die für den Wettbewerb eingereichten Standorte: Kelsterbach Mainhöhe, Offenbach Nordend, Frankfurt-Nied, Hanau Hafentor und Neu-Isenburg West. Mit der Auszeichnung ist ein Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro verbunden sowie ein Birnbaum mit symbolischer Kraft.

Arbeit trägt Früchte

Dieser Birnbaum wurde im März 2021 von Mike Josef, Planungsdezernent der auftraggebenden Kommune Stadt Frankfurt am Main, und Monika Fontaine-Kretschmer, Geschäftsführerin der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt, in der Parkanlage Nied-Süd gepflanzt. "Möge er als Symbol für die zukünftige Entwicklung des Stadtteils als stattlicher Baum heranwachsen und üppige Früchte tragen", wünscht Fontaine-Kretschmer allen Beteiligten weiterhin gutes Gelingen.

Die Soziale Stadt Frankfurt-Nied ist eines der Referenzprojekte der neuen Digitalisierungsstrategie. Das für das dortige Beteiligungsmodell entwickelte Arbeitsprogramm besteht aus digitalen, medienübergreifenden und aufsuchenden Formaten. Zur Bestandsaufnahme wurden allein in einer Online-Abfrage im Frühjahr 2019 rund 250 Ideen und über 200 Kommentare gesammelt. Auf einer interaktiven Stadtteilkarte konnten Stärken, Schwächen und neue Ideen eingegeben, angeschaut und kommentiert werden.

Mit weiteren Beteiligungsbausteinen kamen insgesamt über 2.700 Hinweise aus der Bevölkerung zusammen. Diese wurden ausgewertet und im Entwurf für das Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept zusammengeführt, das zwischenzeitlich durch das Ministerium bestätigt und gewürdigt wurde.